Über mich
M.Sc. ETH in Informatik
Software Engineer @ ajila
Mit dem hervorkommen der KI hat sich vor allem ein Beruf verändert, und zwar der der Softwareentwicklung. Innerhalb von zwei Jahren hat sich das Berufsbild komplett verändert, wo früher noch komplett händisch programmiert wurde, sprechen Softwareentwickler*innen heute mit ChatGPT, Claude, Deepseek oder anderen Sprachmodellen, welche von der Planung, Recherche bis zur Umsetzung praktisch alles übernehmen. Entsprechend hat sich die Geschwindigkeit, mit der Programme und Applikationen entwickelt werden massiv beschleunigt, und wird sich wohl noch weiter beschleunigen.
Mit so einer Entwicklung im Beruf, in dem man selbst tätig ist, fragt man sich natürlich schon, wohin das wohl führen mag. Wird mein Job bald komplett überflüssig werden?
Die KI mag zwar ein enormer Schritt sein in der Automatisierung der Softwareentwicklung, es ist jedoch immer noch ein Tool, ein Werkzeug, eine Maschine. Und genau solche sprunghaften Entwicklungen, wo Maschinen ganze Arbeitszweige revolutionierten, gab es schon immer.
Um das zu veranschaulichen, möchte ich KI mit einem anderen, historischen Beispiel vergleichen: Dem Webstuhl. Das mag auf den ersten Moment überraschend klingen, denn wie kann man Weben, etwas einfaches, mechanisches, mit einer komplexen Arbeit wie das Programmieren vergleichen? Doch das ist eine fundamentale Falschannahme, die wir aus heutiger Sicht treffen, eben genau da wir heute das Weben als einfach automatisierterbare Arbeit sehen. Doch das war vor der Erfindung des Webstuhls nicht der Fall:
Der Handweber dieser Jahre war ein Mann von einiger Selbstständigkeit… Er war sein eigener Herr. Er arbeitete in seinem eigenen Haus, wann es ihm passte; er konnte seinen Webstuhl für ein paar Stunden verlassen, um in seinem Garten zu arbeiten oder auf den Feldern zu helfen. Er hatte den Status eines kleinen Meisters, nicht den eines entfremdeten Lohnarbeiters. […] Unter den Handwebern gab es eine ausgeprägte intellektuelle Kultur. Sie lesen Bücher, gründeten Bibliotheken, diskutierten Politik und Philosophie am Webstuhl. Sie betrachteten sich keineswegs als ungebildetes Fußvolk, sondern als die geistige Elite der arbeitenden Klassen. E. P. Thompson, The Making of the English Working Class (1963)
Ich bin interessanterweise nicht der erste, der den Vergleich zwischen Softwareentwicklung und Wben macht, allerdings in einem anderen Kontext. Charles Babbage war ein britischer Erfinder und Mathematiker, der in den 1830er-Jahren die Analytical Engine entworfen hatte; einen mechanischen, universell verwendbaren Computer. Die Mathematikerin Ada Lovelace notierte 1843 in ihren Notizen zu der Analytical Engine:
Die Analytical Engine hat keine Gemeinsamkeit mit einfachen Rechenmaschinen. Sie ist eine Maschine, die Symbole manipuliert. Man kann sagen, dass die Analytical Engine algebraische Muster webt, genau wie der Jacquard-Webstuhl Blumen und Blätter webt. Ada Lovelace, in ihren Notizen von 1943
Ich denke, diese Zitate zeigen recht gut, dass das Weben früher keineswegs eine einfache Arbeit war, sondern eine hoch angesehene Berufsgattung. Aber das änderte sich natürlich drastisch mit der Erfindung des Webstuhls:
Es gibt kaum ein Beispiel für einen so schnellen und vollständigen Verfall einer einst blühenden Klasse. Der Handweber, der früher stolz auf seine Kunstfertigkeit war und ein Einkommen erzielte, das ihn weit über den einfachen Tagelöhner hob, ist nun in die tiefste Armut herabgedrückt worden. Seine Kunst ist wertlos geworden, weil ein eiserner Mechanismus sie schneller und billiger ausführt. J. R. McCulloch, Statistical Account of the British Empire
Die Einführung des Webstuhls hat die Textilproduktion innerhalb weniger Jahre um das Hundertfache gesteigert. Riesige Hallten voller mechanischer Webstühle sprossen empor und drückten den Preis für Kleidung weltweit. Wer nicht mithalten kann, verliert. Kleinbetriebe wurden nach und nach von ein paar wenigen Grosskonzernen vertrieben, diejenigen Länder, die solche Grosskonzerne beherbergten, boomten. Die britischen Textilkonzerne prägten die globale Geopolitik, denn sie benötigten billige Baumwolle und trugen so massgeblich zur Sklaverei bei.
Was geschah mit den Webern? England fiel der Wochenlohn eines Handwebers von rund 20–30 Shilling auf unter 5 Shilling. Die Handweber versuchten, den Verfall ihrer Löhne durch Mehrarbeit zu kompensieren. Sie arbeiteten 14 bis 18 Stunden täglich, bezogen ihre Kinder in die Arbeit ein und lebten Dennoch unter dem Existenzminimum. Dieses Phänomen der Verarmung ganzer Bevölkerungsschichten kennt man heute als Pauperismus.
Es kam zu verschiedenen Aufständen. Organisierte Banden von Textilarbeitern drangen nachts in Fabriken ein und zerschlugen gezielt die Webmaschinen. Die britische Regierung führte darauf folgend auf die Zerstörung von Maschinen ab 1812 die Todesstrafe ein.
Doch dem endgültigen Schicksal konnten die Weber nicht entrinnen. Nach und nach gaben diese ihre Unabhängigkeit auf und gliederten sich in die Fabriken ein. Dort bedienten sie die Maschinen, die sie zuvor bekämpft hatten, natürlich zu drastisch schlechteren Bedingugnen. Viele andere Handweber verliessen ihre Heimatdörfer und wanderten in die Vereinigten Staaten aus, um dort ein neues Leben in der Landwirtschaft aufzubauen.
Als Softwareentwickler hoffe ich natürlich, dass es uns nicht ganz so hart treffen wird, doch ich bin überzeugt, dass es in dieselbe Richtung geht. Aus einem hochangesehenem Handwerk wird nichts weiter als eine Fabrikarbeit. Löhne werden sinken und viele werden sich andere Jobs suchen.
Die Webmaschine und die KI sind aber keineswegs Einzelfälle, solche explosionsartige Entwicklungen gab es im Lauf der Geschichte immer wieder: der Buchdruck, der die Schreiber ersetzte, die Fliessbandfertigung, die hochqualifizierte Schlosser und Mechaniker ersetzte, der Frachtcontainer, der viele Hafenarbeiter ersetzte, die Fotografie, welche die Maler ersetzte, die Eisenbahn, der die Kutscher ersetzte, der Computer, der die menschlichen Rechner ersetzte.
Nun mag es Gegenargumente geben, das KI revolutionärer ist als alles andere, weil es eben gerade Intelligenz automatisiert. KI-Modelle entstehen, indem das kollektive geistige Produkt der Menschheit, also Texte, Open-Source-Code, Kunstwerke, Forenbeiträge und so weiter abgegriffen und als Trainingsdaten angesammelt werden. Das Wissen der Allgemeinheit wird privatisiert und in Modellgewichte gegossen. Was früher jahrelange Bildung, Denkzeit und Erfahrung eines Menschen erforderte, wird nun pro Token eingekauft.
Doch genau eben dieser Punkt zeigt gerade, dass diese Entwicklung keineswegs revolutionär ist, sondern nur eine natürliche Folge der kapitalistischen Produktionsweise. Genau wie der Webstuhl physisches Geschick und Motorik des Menschen abgelöst und in eiserne Mechanik gegossen hat, oder der Computer formale Logik und Aritmetik als elektronische Schaltkreise ausdrückt, so löst die KI nun Synthese, Semantik und Abstraktion ab, und degradiert sie von menschlicher Kunst zu einer blossen Ware, die gekauft und verkauft werden kann.
Diese Entwicklung ist sogar so «normal» im Kapitalismus, dass Karl Marx eine solche Entwicklung bereits im Jahr 1857 vorhergesehen hat in seinem Maschinenfragment.
«Fabrik» bedeutet das Zusammenwirken von Arbeitern […], die mit Geschick und Pünktlichkeit einem mechanischen produktiven System Folge leisten, das beständig von einer zentralen Kraft angetrieben wird. […] Diese härteste Fassung des Begriffs entwickelt die Vorstellung eines riesigen Automaten, der aus zahlreichen mechanischen und mit Verstand begabten Organen zusammengesetzt ist, die in Übereinstimmung und ohne Unterbrechung tätig sind, wobei all diese Organe einer treibenden Kraft unterworfen sind, die sich von selbst bewegt.
Die Maschine erscheint in keiner Beziehung als Arbeitsmittel des einzelnen Arbeiters. Ihre differentia specifica ist keineswegs, wie beim Arbeitsmittel, die Tätigkeit des Arbeiters auf das Objekt zu vermitteln; sondern diese Tätigkeit [des Arbeiters] ist vielmehr so gesetzt, daß sie nur noch die Arbeit der Maschine, ihre Aktion auf das Rohmaterial vermittelt – überwacht und sie vor Störungen bewahrt. Karl Marx, Grundrisse
Den Softwareentwicklern mag das nur allzu bekannt vorkommen. Unsere Arbeit besteht neu exakt darin: Der KI «Rohmaterial» vermitteln, also die Requirements von den Kunden, und sie zu überwachen und vor Störungen zu bewahren. Weiter:
Die Entwicklung […] zeigt an, bis zu welchem Grade das gesellschaftliche Wissen, knowledge, zur unmittelbaren Produktivkraft geworden ist. Karl Marx, Grundrisse
Auch das scheint höchst familiär. Die KIs werden trainiert durch das gesamte gesellschaftliche Wissen, welches vom Internet und anderen Quellen abgezogen wird. Erst vor kurzem wurde aufgedeckt, wie Antropic Millionen von alten Büchern scannt und sie anschliessend vernichtet. Vernichtung natürlich deshalb, um zu verhindern, das Konkurrenten dieses Wissen ebenfalls ihren KIs füttern können: Wissen als unmittelbare Produktivkraft.
Die Aneignung dieses gesellschaftlichen Wissens durch das Kapital ist in meinen Augen das eigentliche Problem, und wie wir gerade gesehen haben, ist es ist keinesfalls ein neues Problem. Dieses Wissen ist die direkte Quelle es unermesslichen Reichtums, welche sich KI-Firmen unter den Nagel reissen. Doch während das Wissen gesellschaftlich erarbeitet wurde, bleibt der Profit privat. Es ist somit nicht nur eine Aneignung, sondern wird zur Enteignung des gesellschaftlichen Reichtums.
Diese Enteignung betrifft uns Entwickler im Kern. Jahrelang galt unser Problemlösungsgeschick und unsere Logik als unser persönliches Kapitals. Heute wird dieser Datenschatz in Modelle gegossen, die nun gegen uns als Werkzeug zur Effizienzsteigerung und Lohndrückerei eingesetzt werden. Was damals den Webern passiert ist, als ihre Kentnisse nach und nach übersetzt wurden in Hebel, Räder und Lochkarten, geschieht nun vor unseren Augen.
Wir als Betroffene dürfen keinesfalls glauben, dass sich dieser Schritt unterscheidet von dem was die Geschichte uns zu lernen gibt. Die Weber scheiterten nicht an der Erfindung des Webstuhls, sondern an der Illusion, ihre individuelle Kunstfertigkeit mache sie unersetzlich. Stattdessen müssen wir uns die Machtfrage stellen: Wem gehören die Daten, die durch diese KI-Firmen angeeignet wurden? Und wer profitiert am Ende von der Produktivität, die wir selbst erschaffen haben?
M.Sc. ETH in Informatik
Software Engineer @ ajila
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